Geschichte des Priesterseminars Sankt Georgen

Mit dem Neubau des Seminargebäudes im Jahre 2014 beginnt in der Baugeschichte von Sankt Georgen ein neuer Abschnitt. Daher erscheint es angemessen, die Bauentwicklung früherer Epochen in den Blick zu nehmen, um die innere Entwicklung des Priesterseminars Sankt Georgen an der Philosophisch-Theologischen Hochschule nachvollziehen zu können und die Fortschreibung dieser Geschichte besser zu verstehen. Denn die Spruchweisheit gilt: Ohne Herkunft, keine Zukunft!

Die Gründung des Priesterseminars Sankt Georgen

Sankt Georgen ist als theologischer Ausbildungsort entstanden, weil das Bistum Limburg ein Priesterseminar errichten wollte und die Jesuiten gleichzeitig nach Möglichkeiten für ihr intellektuelles Apostolat in Deutschland suchten. Denn nach dem Fall des staatlichen Jesuitenverbots aus Kulturkampfzeiten wollte man sich in der zentral gelegenen und aufstrebenden Stadt Frankfurt am Main engagieren. In den ‚goldenen‘ 20er Jahren bot sich die zentral gelegene Handels- und Universitätsstadt gleichsam an. Nachdem die Absicht des Limburger Bischofs, eine theologische Fakultät in die junge Stiftungsuniversität zu integrieren, sich nicht realisieren ließ, wurden Orden und Diözese aktiv. 1925 erwarben die Jesuiten das Anwesen der „Villa Grunelius“ mit umgebendem Park für ein Priesterseminar.

Das Seminargebäude war der erste Bau, der 1927 bis 1929 neben der bestehenden Villa und dem Dienstbotengebäude „Lindenhaus“ für die neue „Philosophisch-theologische Lehranstalt“ errichtet wurde. Die Studentenzahl stieg sehr schnell, nachdem nicht nur Limburger, sondern bald auch Seminaristen aus Osnabrück, Hildesheim und anderen Diözesen nach Sankt Georgen kamen. Sie erreichte 1934 das festgelegte Maximum von 250. Der Neubau musste daher von 1932 bis 1934 noch einmal um etwa ein Drittel in Richtung Osten erweitert werden. Das untere Stockwerk des Gebäudes von 1929 mit seiner charakteristischen Wandelhalle bleibt bestehen. Der Anbau musste für den Neubau des Seminargebäudes 2013 weichen. Eine Ansicht des alten Seminargebäudes von Süden aus findet sich im Banner dieser Seite.

Äußere Ausrichtung und innere Einrichtung

Die fünfstöckige, knapp 20 Meter hohe und 80 Meter breite Nordfassade des Seminargebäudes stand so der Stadt auf der anderen Seite des Mains symbolisch gegenüber. In großen Lettern stand der Stadt zugewandt das Motto Sankt Georgens auf die Fassade: PIETATI ET SCIENTIAE, darüber ein großes Kreuz. Die Seminarkirche bildete gleichsam einen Rückzugsraum: Sie ging nach hinten in den ruhigen Park hinein und war neobarock ausgestattet. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche komplett und das Seminargebäude teilweise zerstört, doch der Eingang zur alten Kapelle ist in der Wandelhalle noch zu sehen: Neben dem Eingang ist ein Muttergottes-Relief angebracht, und darüber steht IN NOMINE JESU – die innere Devise für den Seminarbetrieb mit einer durchaus missionarischen Konnotation: „… damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ‚Jesus Christus ist der Herr‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,10f.)

Die Einrichtung des Hauses war nüchtern-funktional: Im Erdgeschoss befanden sich Hörsäle, darüber 120 Seminaristen-Doppelzimmer zu je 13 m², eingerichtet mit Schreibtisch, Regal, Kleiderschrank, Stockbett und Waschbecken, angeordnet in langen Fluren, die in der Mitte durch ein Treppenhaus geteilt waren. Die Seminaristen lebten äußerst beengt, besonders als 1936 noch etwa 70 Jesuiten-Scholastiker hinzukamen, die wegen der nationalsozialistischen Devisenpolitik nicht in das im niederländischen Valkenburg gelegene Kolleg ausreisen konnten. Immer wieder plante man, entlang der Balduinstraße an der Stelle des jetzigen Neubaus eine Erweiterung zu errichten – anfangs war sogar eine komplette, rechteckige Vierflügelanlage geplant, die allerdings von der Stadt nicht genehmigt worden war.

Wiederaufbau und Erneuerung

Während des Zweiten Weltkriegs waren die Villa Grunelius und das Seminargebäude beschlagnahmt und dienten als Hilfskrankenhaus und Reservelazarett. Auch dies bewahrte die Bauten Sankt Georgens nicht davor, 1943 und 1944 in schweren Luftangriffen großenteils zerstört zu werden. Die Villa und die Kirche des Seminars wurden nicht wieder aufgebaut, die übrigen Gebäude waren 1947 bereits wieder errichtet, das Lindenhaus bis 1950 sogar aufgestockt. Etwa an der Stelle des jetzigen Neubaus wurde zusätzlich ein funktionales Gebäude hochgezogen: im Erdgeschoss ein Hörsaal und darüber die Kirche. Die Zeit von 1950 bis 1970 brachte zudem eine Trennung von Jesuiten-Scholastikat und Alumnat (Priesterseminar), so dass sich das 1927 bis 1934 errichtete Gebäude als das eigentliche Seminargebäude herausbildete. Auch die Kirche wurde faktisch zur Seminarkirche, da eine eigene Kollegskirche an der Stelle des heutigen Hörsaalgebäudes errichtet wurde.

Erst Anfang der 1990er Jahre erfuhr das Seminargebäude eine bauliche Erneuerung. Die Ausstattung der Zimmer wurde erneuert, ihr Zuschnitt aber großenteils nicht verändert. Wohl Anfang der 1970er Jahre waren bereits eine Studentenbar im Keller sowie Gruppenzimmer und Flurküchen eingerichtet worden, um das Zusammenleben auf den Stockwerken zu fördern. Die Geistliche Bibliothek sowie der Speisesaal wurden zuletzt 2006 neu gestaltet. Der programmatisch bedeutsamste Eingriff bestand jedoch im Neubau der Seminar- und Kollegskirche, die im Jahre 1993 geweiht wurde und an die Stelle der beiden voneinander getrennten Kirchen trat. Sie stellt durch ihre Formgebung und Lage Dialoge her: Hochschule und Kirche korrespondieren über ihre bauliche Form miteinander; die Lage und Gestalt der Kirche setzt Sankt Georgen insgesamt in ein neues Verhältnis zur Welt der Stadt und der modernen Kultur. Das Seminargebäude steht ihr gegenüber jetzt im Hintergrund und stellt gleichsam den Rückzugsort dar – um einen Raum für das Studium und das Einüben in ein geistliches und gemeinschaftliches kirchliches Leben zu gewähren. In diesem Dienst steht besonders auch der Neubau des Seminargebäudes, der so die Baugeschichte Sankt Georgens weiterschreibt.

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Bernhard Knorn SJ