Neues Seminar für neue Priester: Sankt Georgen baut für katholische Seelsorger von morgen

Frankfurt am Main. Nicht erst seit dem Studienaufenthalt von Papst Franziskus im Jahr 1986 ist Sankt Georgen als kirchlicher Ausbildungsort eine bekannte Adresse. Am Stadtrand von Frankfurt betreibt die Ordensgemeinschaft der Jesuiten seit 90 Jahren eine international anerkannte Hochschule. Gegenstand von Forschung und Lehre bilden Philosophie und Theologie. Mit dem Lehrbetrieb verbunden ist ein Seminar als Ausbildungseinrichtung für Priester und Interessenten an diesem Beruf. Auf dem Campus inmitten einer Parklandschaft mit seltenem Baumbestand werden Frauen und Männer für den Dienst in Kirche und Gesellschaft ausgebildet. Entsprechend dem Motto „Pietati et Scientia – für Frömmigkeit und Wissenschaft“ geht es in Sankt Georgen nie nur um bloße Wissensvermittlung, sondern immer auch um Bildung als geistige und geistliche Formung. Unter den Sankt Georgener Studierenden (derzeit 446 Hörer, davon 1/3 Frauen) befinden sich in der Regel zwischen zwanzig und vierzig Männer mit dem Berufsziel katholischer Priester in einem Bistum. Diese sog. Priesterkandidaten führen während des Studiums ein gemeinschaftliches Leben im Priesterseminar. Das Seminar bildet den Rahmen, um prüfen zu können, ob der Berufswunsch stimmig ist bzw. ob die Berufung angesichts der weltlichen und kirchlichen Wirklichkeit Bestand hat. Deshalb folgen die Seminaristen parallel zum Studium an der Hochschule zusätzlich einem spezifischen Ausbildungsprogramm mit kommunikativ-menschlichen und geistlichen Schwerpunkten. Dadurch wird der Priesterkandidat für eine reife Berufsentscheidung und die Arbeit als künftiger Seelsorger qualifiziert werden. Absolventen des Frankfurter Priesterseminars arbeiten in der Kirche Deutschlands und weltweit: Traditioneller Schwerpunkt der Herkunft sind neben der Ortskirche von Limburg die Bistümer der norddeutschen Diaspora (Hamburg, Hildesheim und Osnabrück) und einige andere Bistümer (derzeit 30 aus acht Diözesen). Dazu kommen aufgrund der internationalen Ausstrahlung des Hochschulstandortes Frankfurt internationale Aufbaustudenten aus sprichwörtlich aller Herren Länder (derzeit 20 Priester aus 14 Nationen).

„Kirche braucht Priester“, so Pater Stephan Kessler, der Leiter des Priesterseminars Sankt Georgen und Dozent an der Hochschule. Das gilt auch angesichts der geringen Zahl der Priesterkandidaten und der Krisen, denen der Berufsstand gegenwärtig ausgesetzt ist: Äußerlich durch eine säkularisierte Welt und sinkende Bedeutung bis Verdunstung des Christlichen. Innerlich bildet die Anforderung zum ehelosen Leben eine Hürde. Dazu kommen der Strukturwandel an der kirchlichen Basis in der Seelsorge und die Verunsicherungen durch Missbrauch und Nachwuchsmangel. Wenn die Kirche in der modernen Gesellschaft eine Zukunft haben will, braucht sie nicht nur Priester, sondern gute, beharrt Kessler. Kommunikative Seelsorger, Menschen mit persönlicher Glaubenserfahrung werden benötigt, die theologisch qualifiziert sind und über eine geistliche Kompetenz verfügen. Nicht Wahrung des Bestands ist nach dem Ende der Volkskirche angesagt, sondern glaubwürdiges und zeitsensibel-missionarisches Engagement. „Pastorale Authentizität braucht Glauben, der für die Menschen von heute zugänglich ist“, so der Leiter des Priesterseminars. „Genau das wird in der Seminarausbildung vor allem durch das Gemeinschaftselement eingeübt und geprüft“. Für diese seelsorgliche Grundausrichtung steht das jesuitisch geprägte Ausbildungsprofil in Sankt Georgen. Für das Ideal von authentischer religiöser Praxis und kompetenter Wissenschaftlichkeit verbunden mit engagierter Zeitgenossenschaft und dem Mut, neue Wege der Seelsorge zu beschreiten wurde dieses Seminar einst errichtet und jetzt neu aufgebaut.

Für diese moderne Konzeption von Priesterbildung war das bestehende Seminargebäude, Baujahr 1926, nicht mehr geeignet und unzureichend: 120 Plätze waren überdimensioniert und Zimmer von 13qm sind für studentisches Wohnen zu klein. Die winzigen Zellen an langen Gängen ohne Begegnungsräume förderten nur wenig die kommunikative Kompetenz, um eine wichtige Grundvoraussetzungen für den priesterlichen Dienst zu nennen. Deshalb sollte der flächenreduzierte, funktionsgerecht-nüchterne und ökologisch verantwortete-ressourcenschonende Neubau entstehen. Im Gegenzug wurde der Altbau weitgehend abgetragen. Für ca. 60 Seminarbewohner, die als interne Studierende mit einem spezifischen Ausbildungsprogramm auf dem Campus leben, sind angemessene Studentenzimmer entstanden. In dem sechs-stöckigen Gebäude befinden sich pro Etage je eine Wohngruppe mit je zehn Einzimmerappartements inklusive Nasseinheit. Außerdem verfügt jede dieser Gruppen über einen großzügigen Gemeinschaftsraum und eine Wohnküche mit Kochzeile. Selbst die Gänge sind in dem Neubau auf Begegnung und Kommunikation hin angelegt. Der von dem Wiesbadener Architekturbüro Kissler + Effgen entworfene Bau fügt sich stilistisch gut in das Ensemble der bestehenden Gebäude ein. Die Nutzfläche des neuen Priesterseminars wird sich um ca. 1200qm reduzieren. Für das Bauvorhaben wurden 8.9 Millionen Euro veranschlagt. Diese Summe konnte der als Bauherr fungierende eingetragene Verein „Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen“ nur mit Hilfe der Trägerdiözesen aufbringen. Zusätzlich unterstützt die Deutsche Bischofskonferenz mit einem Zuschuss speziell für die internationalen Aufbaustudenten.

Im Jahr 2016 ein neues Priesterseminar einzuweihen, scheint gewagt. Für die Kirche gibt es dazu keine wirkliche Alternative. Zur Weitergabe und Feier des christlichen Glaubens werden gute Priester benötigt. Die gibt es gemäß jesuitischer Überzeugung vor allem durch gute Ausbildung. Zusammen mit den in Sankt Georgen engagierten Diözesen will der Jesuitenorden sich in Frankfurt dieser Herausforderung stellen und für dieses Modell der Priesterausbildung werben. Wer, wenn nicht die Kirche, muss auf das Prinzip Hoffnung bauen?

15.04.2016
P. Stephan Ch. Kessler SJ