Hintergrundinformationen zu Geschichte und Gegenwart der Priesterausbildung in Frankfurt am Main

Eine hohe Schule der Theologie zwischen Kirchlichkeit und Wissenschaft
Seit 1926 besteht in der vitalen Rhein-Main Region am Stadtrand von Frankfurt das Priesterseminar Sankt Georgen: Als studentische Wohn- und Bildungseinrichtung zur Ausbildung katholischer Priester gehört es zur gleichnamigen, staatlich anerkannten Philosophisch-Theologischen Hochschule. Beide Einrichtungen werden von der Gesellschaft Jesu (Jesuitenorden) verantwortet und geleitet. Als Unterhaltsträger fungiert der „Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt e.V.“, ein zivilrechtlicher Verein von Jesuiten als Träger der beiden Einrichtungen auf dem Campus.
Das Mission-Statement Sankt Georgens lautet seit den Tagen der Gründung gemäß einer Maxime der jesuitischen Studienordnung: „Pietati et scientiae - für Frömmigkeit und Wissenschaft“. Das heißt, Seminar und Hochschule stehen bis heute für eine engagierte, kirchliche Glaubenspraxis bei gleichzeitig vorurteilsfreier, kritischer wissenschaftlicher Forschung. Kirchlichkeit und Wissenschaftlichkeit bezeichnen in Sankt Georgen keinen Widerspruch. Als Ausbildungsstandort verfügt Sankt Georgen aufgrund seiner anerkannten Forschungen in Philosophie und Theologie und der jahrzehntelangen Ausbildungstradition von qualifizierten Nachwuchskräften über eine hohe kirchliche Anerkennung und eine internationale akademische Reputation. Nicht wenige der in Frankfurt Lehrenden haben die theologische Forschung und die kirchliche Praxis inspiriert. Dafür stehen Namen und damit verbunden literarische Standardwerke wie Heinrich Bacht, Alois Grillmaier, Oswald von Nell-Breuning u.v.a. 

Berühmte Sankt Georgener Absolventen
Ehemalige Absolventen der Frankfurter Hochschule nehmen in Kirche und Gesellschaft weltweit verantwortungsvolle Positionen ein: Am prominentesten ist Papst Franziskus, der 1986 zu einem Forschungsaufenthalt in Sankt Georgen geweilt hat. Aus der Verwaltung des Vatikans haben der derzeitige Pressesprecher des Papstes, P. Federico Lombardi, und der Sekretär der Glaubenskongregation, Erzbischof Luis Ladaria, in Sankt Georgen studiert. Zwei gegenwärtige Diözesanbischöfe in Deutschland wurden in Frankfurt zu Doktoren der Theologie promoviert: Stephan Ackermann von Trier und Gregor Hanke von Eichstätt. Auch der Chef des größten kirchlichen Entwicklungshilfswerk Missio war während seiner Ausbildung Seminarist des Priesterseminars. Alt-Sankt-Georgener Studenten haben kirchliche Leitungsaufgaben auf der ganzen Welt (Friedrich Kardinal Wetter emeritierter Erzbischof von München, Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg, der Hildesheimer Priester Dr. Michael Wüstenberg leitet als Bischof die Diözese Aliwal (Südafrika) oder Dr. Alick Banda ist als ehemaliger Frankfurter Aufbaustudent heute Bischof von Ndola (Sambia).
Zwei Sankt Georgener Studenten sind herausragende Zeugen christlich motivierten Widerstands gegen die Diktatur des Nationalsozialismus geworden. Sie haben ihr Leben als Glaubenszeugen für die Freiheit gegeben: der Jesuitenpater Alfred Delp und der Lübecker Kaplan Johannes Prassek, dessen Martyrium durch die Seligsprechung der „Lübecker Märtyrer“ kirchliche Anerkennung fand. Neben den besonderen Karrieren leben und arbeiten viele der ehemaligen Seminaristen als Priester und Seelsorger in Deutschland und auf der ganzen Welt. Sie engagieren sich in Wissenschaft und Forschung, in Betrieben und der Politik.

Das Priesterseminar Sankt Georgen – eine Einrichtung mit Zukunft
Kirche braucht Priester: Diese Aussage kirchlicher Dogmatik gilt von den Anfängen des Christentums bis heute. Unter sich ständig wandelnden Bedingungen wird dies auch künftig Geltung besitzen. Für diese Zukunft, die auf jeden Fall einer modifizierten Ausbildung bedarf, möchte Sankt Georgen mit einem inhaltlich und baulich gut konzipierten Priesterseminar seinen Beitrag leisten. Die Institution Priesterseminar stellt die kirch[enrecht]lich geforderte Ausbildungseinrichtung dar, in der die Bewerber bzw. Kandidaten für den priesterlichen Dienst ergänzend zu den akademischen Studien gemeinschaftlich ausgebildet werden. In Frankfurt wurde die Errichtung einer Ausbildungsstätte für Priester 1926 durch den zuständigen Ortsbischof von Limburg der Anlass zur Gründung Sankt Georgens. Die theologische und pädagogische Verantwortung und die Leitung übernahm der Jesuitenorden, der seinerseits wiederum auf eine lange Ausbildungstradition in der Qualifikation für die Seelsorge zurückschauen kann. Schon wenige Jahre nach der kirchlichen Anerkennung der Gesellschaft Jesu gründete der Ordensgründer Ignatius von Loyola (1491-1556) zur Umsetzung seines Seelsorgeideals in Rom zwei richtungweisende Institutionen: die Universität Gregoriana als päpstliche Hochschule und das Collegium Germanicum et Hungaricum als Reformseminar (1551/52). Das Ausbildungscurriculum und das pastorale Ideal für Priester haben die weitere Entwicklung der Seminarerziehung maßgeblich bestimmt und die Seelsorge in deutschen Landen nachhaltig geprägt. Dieser seelsorglichen Tradition weiß sich die Priesterausbildung in Sankt Georgen verpflichtet.  

Überdiözesane Ausbildung – national und international
Seit den ersten Jahren des Bestehens wurde der Hochschulstandort Sankt Georgen konsequent als überdiözesanes Ausbildungszentrum für verschiedene deutsche Bistümer und auch für die Weltkirche auf- und ausgebaut. Relativ konstant gehören in den letzten Jahren ca. 30 Studenten zum Priesterseminar Sankt Georgen, die sich in einem zehnsemestrigen Studium auf den priesterlichen Beruf vorbereiten. An erster Stelle sind das die Priesterkandidaten der Sankt Georgen tragenden Bistümer für die (Erz-)Diözesen Limburg, Hamburg, Hildesheim und Osnabrück. Da wegen des rückläufigen Zahl der Interessenten für den priesterlichen Dienst die Seminarkommunitäten an den einzelnen Standorten immer kleiner werden, so dass die Standards der Ausbildung nur schwer eingehalten werden können, haben immer schon andere Bistümer die Sankt Georgener Ausbildung genutzt; traditionell die Diözesen Aachen und früher auch Speyer‚ derzeit sind es die Ostbistümer Berlin, Dresden-Meißen und Görlitz. Ab dem kommenden Studienjahr wird das Bistum Trier mit seinen Priesterkandidaten nach Frankfurt kommen. Die Seminaristen absolvieren an der Hochschule das grundständige Studium von Philosophie und Theologie (Abschluss: Magister Theologiae). Komplementär zum akademischen Studium durchlaufen sie seminarintern ein auf den priesterlichen Dienst ausgerichtetes spezifisches Ausbildungscurriculum, das der Regens als verantwortlicher Leiter mit seinem Team von Subregens und Spiritual verantwortet. Neben spezifisch geistlichen Ausbildungselementen geht es um Fragen der Eignungsklärung und der menschlichen und sozial-kommunikativen Qualifizierung für einen pastoralen Beruf. Als Besonderheit kommt im Frankfurter Priesterseminar zu den Seminaristen die Gruppe von 20 bis 30 bereits ausgebildeten Priestern aus allen Teilen der Welt dazu: Sie betreiben postgraduale Studien (Abschluss: Lizentiat bzw. Doktorat) und sind ebenfalls als eigenständige Gruppen im Priesterseminar untergebracht. Das Priesterseminar erfüllt derzeit in der Ausbildung von kirchlichem Leitungspersonal eine lokale und globale Aufgabe mit Zukunft.

Die Baumaßnahme Priesterseminar im Kontext der baulichen Neuordnung
Seit den 1980er Jahren wurde in einer geglückten Zusammenarbeit und mit tatkräftiger ideeller und finanzieller Unterstützung v.a. durch das Ortsbistum Limburg und der anderen Trägerdiözesen eine bauliche Neuordnung der Campuslandschaft in Angriff genommen. Das Ergebnis sind zukunftsweisende und zum Teil preisgekrönte (Neu-)Bauten, die dem Zweck eines kirchlich-theologischen Ausbildungszentrums in einem Parkgelände des Rhein-Main-Gebiets hervorragend dienen: Den Auftakt bildete 1984 der auf dem Grundriss eines Dreiecks der Stadtsilhouette Frankfurts zugewandte Bibliotheksbau, gefolgt von der Neuordnung des Küchen- und Mensabereichs (1986). Die innere Bezogenheit und Spannung von Frömmigkeit und Wissenschaft gleichsam symbolisierend, wurde die Seminarkirche (1993) auf einem ellipsoiden Grundriss errichtetet: Im Innern ist die durch den viereckigen Kubus des Altars von Ulrich Rückriem geprägt. Komplementär dazu ist das neue Hochschulgebäude (2004) ein quadratischer Würfel, der durch das kreisförmige Glasfenster von Georg Meistermann im großzügigen Atrium seine runde Mitte erhält. Nach der  Renovierung des Kommunitätsgebäudes der Jesuiten (2010) stand das Priesterseminar an. Das Seminar befand sich im ältesten Gebäudekomplex (als Teil einer ursprünglich geplanten Vierflügelanlage konzipiert), der in West-Ost Richtung parallel zur Offenbacher Landstraße bis zur Balduinstraße reichte.
Das im Gründungsjahr 1926 errichtete und nach kriegsbedingten Zerstörungen wieder aufgebaute Seminargebäude musste aus brandschutztechnischen und sanitären Gründen dringend erneuert werden. Die zu vielen (120) und zu kleinen Studentenzimmer (13 m²), die unzureichenden  Stockwerksduschen zusammen mit den Sanitäranlagen ließen das Bestandsgebäude nach neun Jahrzehnten überdimensioniert und wenig brauchbar erscheinen. Bauliche Voruntersuchungen haben ergeben, dass das Seminargebäude wegen mangelnder Armierung nicht umgebaut werden kann: die Tragwerkskonstruktion hätte einer Renovierung nicht standgehalten. So entstand der Plan eines reduzierten Neubaus. Das neue Gebäude tritt an den Platz der ehemaligen Seminarkirche (Kirchen- und Hörsaalgebäude von 1953-1991), die entlang der Balduinstraße stand. Im Gegenzug wird das bestehende Gebäude bis zum Erdgeschoss abgetragen. Die neue Seminarkirche, die Sozialräumen (Speisesaal, Vortragsraum, Gebetsräume) und die Wandelhalle bleiben als Verbindung und Alt- und Neubau erhalten.
Nach einer Prüfung verschiedener Entwürfe für die Baumaßnahme wurden die Planungen des Architekturbüros Kissler + Effgen, Wiesbaden ausgewählt. Der Wohntrakt des erneuerten Priesterseminars ist in einem neuen Gebäude mit sechs Stockwerken untergebracht. Pro Stockwerk befindet sich eine Wohngruppe mit je zehn Studentenzimmern: Einzimmerappartements mit Nasseinheit; ein gemeinsamer Gruppenraum und eine Küche mit Essmöglichkeit. Außerdem sollen die Verwaltung des Priesterseminars, die Wohn- und Arbeitsräume der Seminarleitung und Sozialräume der Seminargemeinschaft (Raum für die geistliche Ausbildung, Clubraum und Geistliche Bibliothek) untergebracht werden. 

Wagnis mit hoffnungsvoller Perspektive
Mit dem Neubau des Priesterseminars Sankt Georgen in Frankfurt verbindet sich eine doppelte Hoffnung: Zum ersten, dass das überdiözesane Modell der Priesterausbildung konzeptionell sich als zukunftsfähig erweist und im neuen Seminargebäude weiter adaptiert und verbessert werden kann. Zweitens, dass die pastorale und intellektuelle Ausrichtung der Ausbildung in der Tradition des Jesuitenordens in den gegenwärtigen Herausforderungen tragfähig ist. 2016 ein neues Priesterseminar einzuweihen, scheint gewagt. Kirchlich gibt es dazu keine Alternative: Für die Weitergabe des Glaubens werden gute Priester benötigt. Die erhält man nach jesuitischer Überzeugung vor allem durch eine fundierte und persönlichkeitsorientierte Ausbildung. Zusammen mit den in Frankfurt engagierten Diözesen will der Jesuitenorden sich diesem Wagnis der Priesterausbildung für die Zukunft stellen. Wer, wenn nicht die Kirche, darf auf das Prinzip Hoffnung bauen?

15.04.2016
P. Stephan Ch. Kessler SJ