1. Recollectio und Thematisches Wochenende - ein Rückblick

Auch wenn zwischen der ersten Recollectio des Semesters und dem thematischen Wochenende knapp zwei Wochen lagen, bildeten sie in ihrer aufeinander bezogenen Gegensätzlichkeit doch eine Einheit: Beim einen ging es um Schweigen und Rückzug, beim anderen darum, aufeinander zuzugehen, miteinander zu sprechen und sich auseinanderzusetzen. So standen beide Wochenenden mit verschiedenen Vorzeichen unter dem Semestermotto „Cor ad cor loquitur – authentisch kommunizieren“.

In seinem Eröffnungsimpuls zur Recollectio erörterte P. Schneider den Wert der Stille für uns als Gemeinschaft wie für unsere heutige Kommunikationsgesellschaft. Zweifellos ist jede Gruppe zu ihrem Fortbestand auf Kommunikation angewiesen, doch bedeutet die moderne Zunahme an Kommunikation eben nicht zwangsläufig, dass man einander besser versteht. Vielmehr bedarf das gesprochene Wort der Stille als Fundament und nimmt daher auch in der Benediktsregel einen besonderen Platz ein. Als Klärungsprozess verändert sie die Wahrnehmung von uns selbst wie von den Menschen um uns herum, lässt manches in den Hintergrund sinken und anderem wiederum größeren Stellenwert zukommen. Neben dieser Klärungs- und Ordnungsfunktion ist Stille aber auch die Voraussetzung dafür, einander den Dienst des Zuhörens erweisen zu können. So warnte der in der Recollectio-Mappe enthaltene Bonhoeffer-Text („Gemeinsames Leben“) davor, dass „geistliches Geschwätz, die pfäffische Herablassung“ mit frommen Worten zum Tod des geistlichen Lebens führen könne, wenn man auf Gott und den Nächsten eben deswegen nicht zu hören vermag und so an ihm vorbeiredet, ohne es zu merken. Genau diese Gefahr stellt das Titelbild der Recollectio-Mappe – Emil Noldes „Teufel und Gelehrter“ – dar: der in seine Lektüre vertiefte Gelehrte nimmt den Teufel nicht einmal wahr, er studiert und kommuniziert also völlig unbesorgt weiter, während der Teufel sich neben ihm im Vordergrund des Bildes aufbaut.

Mit einer anderen Art von Stille eröffneten wir das thematische Wochenende zu gewaltfreier Kommunikation und konstruktivem Umgang mit Konflikten. Martin Scorseses Filmdrama „Silence“ hinterließ keine gelöste, friedliche Stille, sondern eine schweigende Mischung aus Ratlosigkeit und Bedrücktheit. Sicherlich würde man dem Film Unrecht tun, wenn man ihn als undifferenziertes Manifest für die moralische Überlegenheit des Christentums deuten würde. Was bleibt aber dann? Im Hinblick auf das Thema unseres Wochenendes zumindest die Veranschaulichung, wie in einem Konflikt das Wesentliche völlig aus dem Blick geraten kann. Mithilfe des am nächsten Tag im Kommunikationsworkshop vermittelten Instrumentariums ließe sich analysieren, wie die scheinbar so vernünftigen Diskurse zwischen den Missionaren und dem Inquisitor auf der Sachebene unfruchtbar blieben, weil das eigentliche Problem auf der Beziehungsebene angesiedelt war. Wenn diese mit Furcht, Gewalt und Leiden besetzt ist, verkommen die an der Oberfläche gewechselten, immer wieder gleichen Argumente zu bedeutungslosen Worthülsen.

Nun ist der Alltag im Seminar bei allem katholischen Pluralismus selbstverständlich nicht einmal annähernd mit einer solchen Art von „Silence“ vergleichbar. Auch beim gemeinsamen Turmbau nahm wohl keiner bleibenden körperlichen oder seelischen Schaden. Dass wir uns in fünf Workshopstunden eine sensationell neue Kommunikationstheorie aneignen würden, stand ebenfalls von vornherein nicht zu erwarten. Mehr noch, als überzeugte Christen würden wir bei allem Respekt vor psychologischen Erkenntnissen und Theorien letztlich wohl doch alle den Standpunkt vertreten, dass diese nie ganz an den Kern des Evangeliums heranreichen, ihn allenfalls präzisieren, anders formulieren, aktualisieren. Und das war wohl auch der Trainerin bewusst. Die Stärke ihres Einsatzes bestand daher auch nicht in reiner Wissensvermittlung, sondern der erlesenen Mischung aus Theorie und Praxis, einer gelungenen Anwendung von Frère Rogers Maxime: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“ Die „correctio fraterna“ ist uns als Brauch bekannt, ja, aber so intensiv und ausgewogen wie in der Feedback-Übung haben wir sie bisher als Gemeinschaft eigentlich kaum praktiziert. Auch den in der ersten Übung eingelegten Schritt des aktiven Zuhörens – sich NICHT selber einbringen, werten, kritisieren, moralisieren, belehren, warnen – bekommen wir in den Pastoralkursen wohl vermittelt, übersehen ihn im überzeugten Berufungseifer vielleicht aber doch manchmal. Jenseits vom Vier-Ohren-Modell und GFK stach vor allem die Übersicht zu möglichen Signalen für Konflikte hervor, die sich unter einer scheinbar stillen und friedlichen Oberfläche verbergen können: abwehrende Körpersprache, abstrakte Sprache, übertriebene Sachlichkeit, Vermeidung von Auseinandersetzungen, Berufung auf Regeln und Vorgesetzte und ein ständiges Wiederholen der gleichen Position.

Genau diese Punkte werden aber auch unserer Kirche regelmäßig zum Vorwurf gemacht, womit der Bogen zum dritten Teil des Wochenendes geschlagen wäre: dem Austausch über das Sonntagsevangelium (Mt 23, 1-12). Dort begegnete uns Jesus mit seiner Brandrede gegen die Schriftgelehrten selber als größter Kritiker religiöser Eliten, gegen den sich die meisten heutigen Klerikalismuskritiker geradezu als zahm ausnehmen. Auch Schwester Glanias Anregungen am Sonntagmorgen mag man angesichts dieses Sturms der Entrüstung eigentlich nicht einmal als sanftes Säuseln bezeichnen, allenfalls als authentische Demonstration der am Vortag erlernten Theorie von gewaltfreier Kommunikation, ein Werben für Achtsamkeit im Umgang miteinander und für ein gegenseitiges Stärken in den verschiedenen Berufungen von Seminar und Mentorat. Wie sollen wir mit den völlig ungefilterten Weh-Rufen Jesu aber dann umgehen? Wie uns zum Letzten machen, ohne uns durch einen Winkelzug unseres Egos durch demonstrative Demut in Wirklichkeit nicht doch an die erste Stelle setzen zu wollen? Und damit gegen unsere Absicht doch schleichend zum Glaubwürdigkeitsverlust unserer Kirche beizutragen? Gottesdienstbesuche, Gebete und Schriftmeditation allein böten da keine sichere Gewähr, so P. Rieger in seiner Abschlusspredigt im Mainzer Priesterseminar (um Lagerkollerkonflikte zu vermeiden, hatten wir uns zum Mittagessen und Messefeiern in dieses gastfreundliche Haus eingeladen). Darin hätten sich auch viele Missbrauchstäter geübt, ohne dass das vernommene Wort tatsächlich in ihrem Herzen und Handeln Wurzeln geschlagen hätte. Authentische Selbsterniedrigung bestehe darin, sich wie Jesus an die Seite derer zu gesellen, die in der Gesellschaft bereits an letzter Stelle stehen. 

06.11.2017
RB